Kaplan Alfred Flury: Schriftsteller und Mensch
Liebe Trauergäste
Kaplan Flury war nicht nur ein musisches Talent, das singen konnte und diverse Instrumente beherrschte, malte und zeichnete, er war auch schriftstellerisch sehr aktiv. Don Alfredo war Mitglied des Schweizerischen Schriftsteller-Verbandes und des Schweizerischen PEN-Clubs. Er fehlte an keiner Generalversammlung und oft unterhielt er seine Kollegen mit geistsprühendem Witz und Gesang, mit Charme und Tiefsinnigkeit. Insbesondere aus seinen Gedichten spricht eine liebenswürdige Genialität.
Nach einem langen Diskussionsabend in meinem Hause schrieb er im März 1982:
Wie ich eben aus dem Schreiben lesen kann,
das die Post mir heut' gegeben,
hab ich nun ein neues Leben
und es fängt durch Dich jetzt an.
Für das neue Sein und Leben,
lieber Freund, recht vielen Dank!
Lass uns froh zum Himmel streben
und von dieser Erde schweben,
die im Intellekt versank.
Don Alfredo konnte über alles schreiben. Er fand stets den richtigen Vers zur richtigen Zeit, schrieb über Blumen, Berge, Menschen und Tiere.
Kaplan Flury war kein Mensch der Traurigkeit. Obschon er oft selbst unter Depressionen litt, verstand er es, die Einsamkeit rasch aus seinen Gedanken zu treiben. Zu seinem Geburtstag im April 1981 schrieb er:
Es kann der Mensch in allen Lagen
selbst da, wo es fast nicht mehr geht
auf seine Weise etwas sagen,
bestimmen wollen oder fragen,
so laut, dass man ihn gut versteht.
Mit spitzer Feder wob er auch Politik in seine Gedichte. Er tat dies nie in einer verletzenden Art, sondern stets mit viel Charme und tiefgründigem Spass. Zur Jahreswende 1983 formulierte er:
Warum ist auch in unserem Land
in kurzer Zeit nun soviel Sand
im kleinen Staatsgetriebe?
Man kämpft mit altem Schweizertrutz
für irgendeinen Umweltschutz
und denkt nicht mehr an Liebe.
Die Roten werden langsam grün.
Derweil sie durch die Strassen ziehn,
ertönt mit einem Male,
wo eben noch der Betruf klang,
als Hit und neuer Schlachtgesang
die Internationale.
Kaplan Flury verstand es, die Mitmenschen in einer herzlichen Art zum Nachdenken zu zwingen. So enden denn viele seiner Verse mit Fragezeichen wie dieser:
Die Polen frieren, Hungern, sterben,
und ihre Uhren stehen still.
Wir planen, konsumieren, werben
und wollen irgendetwas erben,
ob das der Herrgott wirklich will?
Don Alfredo hat gelernt, Optimismus und Glück weiterzugeben. Er zeigte seinen oft verzweifelten Schützlingen, dass überall, auch im banalen Alltag, rings um jeden von uns, Freude war. Der nachfolgende, abschliessende Vers belegt seine Zartheit des Herzens und seine innere Einstellung:
Das Leben blüht da, wo wir sind,
wenn wir zu Licht und Schatten stehn.
Es blühen Blumen, lacht ein Kind,
von irgendwo da weht ein Wind.
Warum ist das so schwer zu sehn?
Lieber Alfred, ich und wir alle verlieren einen Freund mit Dir. Im Namen aller Schriftstellerkollegen vom Schweizerischen Schriftsteller-Verband und vom Schweizerischen PEN-Club danke ich Dir für Deine schriftstellerische Arbeit, für Dein Lebensbeispiel, Deinen Humor und Deine Herzensgüte. Du wirst uns unvergesslich sein.
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